Boston Consulting klärt die Erstsemester über das Gesundheitssystem auf. NOA sagt dazu:
Lobbyismus in der Startwoche
- Kurz nachgedacht
1. WER ist die Boston Consulting Group?
Die Boston Consulting Group ist eine der weltweit führenden Unternehmensberatungsfirmen. Kerngeschäft solcher Firmen ist die wirtschaftliche Optimierung der beratenen Einrichtungen / Konzernen, welche bei einer solchen Beratung vorwiegend zu schlanken, effizienten, wettbewerbsfähigen Konzernen umgebaut werden.
Neben Kritik an der Geldverbrennungsmaschinerie dieser Firmen geraten solcherart Unternehmen immer stärker als Lobby in den Blick. Mit dem zunehmenden Rückzug des Staates aus den öffentlichen Aufgaben wie vor allem Bildungs- und Gesundheitswesen, drängen Unternehmensberatungen zunehmend mit Strategien der Privatisierung und eigenen Initiativen (wie z.B. Stipendienprogrammen, "Universitätsmanagement") an Hochschulen.
Die Boston Consulting Group (BCG) berät auch Einrichtungen des Gesundheitswesens. Dabei geht es ihr nicht darum, ein möglichst ausgewogenes Gesundheitssystem zu befördern, sondern darum, den Krankenkassen "positive finanzielle Ergebnisse" (http://www.bcg.de/expertise_impact/industries/gesundheitswesen/competencies.aspx)
zu erwirtschaften und sie hinsichtlich ihrer örtlichen Märkte wettbewerbsfähig zu gestalten. Das öffentlich finanzierte Gemeinwesen mutiert zur Dienstleistungslandschaft, in welcher die Einrichtungen auf Profit und Kundenakquise abzielen müssen: "Dazu gehört neben einer Überprüfung des Dienstleistungsportfolios die Erkundung von Möglichkeiten, in strategischen Segmenten gezielt für Wachstum zu sorgen."
Wem die BCG nutzen will, verschweigt sie ebenfalls nicht: "Unser Kooperationsnetz aus Fachleuten ermöglicht uns die Weitergabe von Expertise, von der Unternehmen profitieren, die mit der Finanzierung, Verwaltung und Erbringung von Gesundheitsdienstleistungen befasst sind."
2. WARUM erklärt Dir die Boston Consulting Group das Gesundheitssystem?
Die BSG bemüht sich aus rein altruistischen Gründen um die Gesundheit der Menschen?
Unternehmensberatungen dringen zunehmend in den öffentlichen Sektor ein und betreiben Lobbyismus für ihre Interessen. Lobbyismus in Bildungs- und Gesundheitswesen ist ein altbekanntes und komplexes Problem zwischen der Einbeziehung des zivilen und wirtschaftlichen Expertentums, welches Politiker_innen zu sinnvollen Entscheidungen verhelfen soll und der unlauteren Einmischung in demokratische Vorgänge, indem finanzstarke Gruppierungen Druck auf Politiker_innen ausüben, Gesetzestexte (mit)schreiben und somit Klientelpolitik betreiben, welche finanzschwache Gruppierungen marginalisiert.
Warum gestaltet die BCG die Startwoche an der Leuphana Universität Lüneburg?
Einige unserer Vermutungen:
An keiner anderen Einrichtung kann besser Werbung gemacht werden als unter dem Dach einer Hochschule, die für die eigenen wirtschaftlichen Interessen als "Wissenschaftstarnung" dienen kann.
Nirgendwo ist es einfacher, die eigene Unternehmensphilosophie und Weltsicht direkt in den Köpfen der Menschen zu verankern, als in einer Bildungseinrichtung, deren Dozent_innen qua Amt die Attribute der Wissenschaftlichkeit, Neutralität und Gemeinwohlorientierung zugeschrieben werden.
Die Suche nach einflussreichen, finanzstarken Multiplikator_innen könnte nicht erfolgversprechender sein als an einer akademischen Bildungseinrichtung, deren Absolvent_innen zu den wenigen Prozenten der stark gebildeten Schicht gehören und deren Lebenslauf verspricht, zukünftig hoch dotierte Positionen in Unternehmen und staatlichen Einrichtungen einzunehmen.
Unternehmensberatungen benötigen zahlreiche junge, kreative Akademiker_innen als Mitarbeiter_innen. Die Startwoche ist also eine ideale Werbeplattform im Kampf um die vermeintlich besten Köpfe.
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Freiheit von Forschung und Lehre ist ein Grundrecht der Verfassung (Art. 5 Abs. 3 GG) und höchstes Gut eines demokratischen Staates. Was aber geschieht, wenn das Soziale zunehmend privatisiert wird, wenn unternehmerische Interessen immer mehr die wissenschaftlichen verdrängen? Welche Forschung wird betrieben, welche Studiengänge werden angeboten, wenn Forschung und Lehre zunehmend aus privaten Mitteln (sogenannten "Drittmitteln") und nicht mehr aus staatlichen Geldern finanziert werden? Welche Inhalte gehen verloren, wenn sich Hochschulen in den Dienst von Unternehmen stellen?
4. WAS stellst Du Dir unter einer WISSENSCHAFTLICHEN Beschäftigung mit dem Thema "Gesundheit" vor?
Unsere Fragen an den wissenschaftlichen Anspruch der Startwoche:
Wie viele von Unternehmen und politischen Parteien unabhängige Wissenschaftler_innen nehmen an der Startwoche teil und geben Dir Informationen zu aktuellen Forschungen hinsichtlich "Gesundheit"?
Wie ausgewogen ist die Auswahl der Ansprechpartner_innen (- z.B. Patientenverbände etc.)?
An der Leuphana Universität Lüneburg existiert ein "Zentrum für Angewandte Gesundheitswissenschaft" - welche Inhalte und Wissenschaftler_innen aus diesem Institut werden den Studierenden in der Startwoche zugänglich gemacht?
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5. WELCHE Fragen fehlen der Startwoche?
Eine Konsensposition zwischen Wirtschaftsvertretungen und Politiker_innen bedeutet ein Ringen um bereits definierte Interessen, welche vorwiegend von ökonomischen Zwängen begrenzt werden. Aufgabe von Wissenschaft ist es auch und vor allem, ein solches Denken zu durchbrechen und die Prämissen zu hinterfragen, auf denen die jeweiligen Positionen beruhen. Eine solche analytische Perspektive bedeutet demnach auch, das Gegeneinander von wirtschaftlicher Rentabilität und sozialen Belangen nicht als gegeben zu manifestieren, sondern eben diese einer kritischen Prüfung zu unterziehen und sie in ihren gesellschaftlichen Kontext einzuordnen.
Fragen, die unserer Meinung nach an das Thema "Gesundheit" gestellt werden müssen:
Was ist Gesundheit - die Abwesenheit von Krankheit?
Was macht Menschen krank?
Wie wird Prävention betrieben?
Was sind Voraussetzungen einer gesunden Gesellschaft?
Wie hängen Arbeit, Familie, sozialer Status... und Gesundheit zusammen?
Wie unterscheiden sich Grenzziehungen von krank und gesund - zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Gesellschaften?
Was bedeuten diese Grenzziehungen für die Integration in bzw. den Ausschluss aus Gesellschaft?
Was bedeutet es in einer zunehmend flexiblen und beschleunigten Gesellschaft, als "krank" zu gelten bzw. nicht mobil zu sein?
Welche Aufgaben hat ein Gemeinwesen, das sich "Gesundheit" als Ziel setzt - und inwieweit dürfen diese Aufgaben überhaupt aus der staatlicher Hand weg gegeben werden?
Was bedeutet Selbstverantwortung und welche Rolle spielt das Anrufen dieser in der modernen Regierungsform?
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